2013 November

 

09. November 2013

 

Fluchtlinie

Alle entlang der Wegstrecke erkennbaren Signale auf grün, das Wetter spielt mit und die Fahrgäste sind angeschnallt - nun steht der Flucht aus dem nicht ganz so liebreizend ausgestalteten Haltepunkt Salach nichts mehr im Wege.

Weit kommt sie allerdings nicht, die kleine Regionalbahn, denn der nächste Halt in Süssen scheint aus dieser Perspektive und Dank der verwendeten Brennweite zum Greifen nahe (auf Höhe des alpinweiß strahlenden Gebäudes).

Da ich diese Aufnahme bewusst aus der Falschlicht-Position erstellt habe, stellt sich mal wieder die interessante Frage, wie man eigentlich Schattenbereiche ausarbeiten sollte. Dazu nur ein paar allgemeine Tipps aus eigener Erfahrung:

1) Schattenbereiche nicht zu sehr aufhellen. Nicht alles was geht, sieht hinterher auch gut aus. Das Spiel von Licht und Schatten schafft 'Betrachtungsdynamik'. Retten sie abgesoffene Bereiche nur in Maßen, vor allem dann, wenn sie nicht bildbestimmend sind...

...und ganz besonders dann, wenn diese Bereiche in ihrer Funktion Teil der von ihnen gewählten Bildkomposition oder -aussage darstellen.

2) Aufgehellte Schattenbereiche müssen mit lokaler Dynamik (Kontrast) versehen werden, sonst wirken sie 'staubig'. Übertreibt man die Dynamisierung, stellt sich hingegen schnell ein 'öliger' Eindruck ein (helle Bereiche beginnen zu glänzen, dunklere Bereiche saufen überzogen ab und wirken wie mit Caramba Pflegeöl eingesprüht).

So, nun aber genug der öden Theorie und schnell gewechselt zu einer Denksportaufgabe. Beim Betrachten dieser Aufnahme stellte sich mir (ungefragt) die Frage, wie viele Schwellen denn im sichtbaren Streckenabschnitt verbaut sein mögen.

Na, was schätzen sie? 1.000? 10.000? 100.000? Keine Ahnung?

Ich auch nicht, aber hier haben wir ein prima Beispiel für den Einsatz einer qualifizierten Überschlagsrechnung (wichtig: ganz ohne wikiblödia & Co).

Also wenn sie keinen Bock auf Rätselraten verspüren - einfach weiterlesen, denn die Herleitung funktioniert wie folgt:

Auf einer seit 1645 stillgelegten Nebenstrecke wanderte ich dereinst als blond gelockter Jüngling mit Stock und Hut (stand mir gut) auf den Holzschwellen in die weite Welt hinaus und stellte dabei fest, dass mit leichtem Spreizschritt (gut 1 Meter Spannweite) nur jede zweite Schwelle betreten werden musste. Der Einfachheit halber lege ich somit den Schwellenabstand mit 0,5 Metern fest.

Von Salach nach Süssen schätze ich die Distanz auf gut einen Kilometer...

...also rechne ich mal mit 1200 Metern x 2 Schwellen pro Meter ergibt 2400 Schwellen x 2 Gleise ergibt 4800 Schwellen.

Somit haben wir ganz ohne Taschenrechner und sonstigen Denk-Stützstrümpfen einen Wert ermittelt, der sicher nicht stimmt, aber eine plausible Dimension besitzt.

Mein lieber Scholli, gut und schön, aber was bringt das jetzt?

Was 'bringt' Eisenbahnfotografie? Und überhaupt: ist der Papst katholisch?

Ernsthaft: dererlei Fingerübungen unter Weglassung geistiger Gehhilfen schärfen den Verstand, schulen analytisches Denken und stärken den Blick für Zusammenhänge...

...allesamt Fähigkeiten, die das WorldWideWeb nicht gerade fördert - so zumindest meine ganz persönliche Meinung.

 

 

 

Farbe raus - 111er rein

Worin liegt eigentlich der besondere Reiz einer monochromen Weltwiedergabe verborgen?

Schwer zu sagen, zumal Bilder ohne Farbe bei einem Teil der Betrachter überhaupt nicht gut ankommt.

Für den anderen Teil sei folgende Hypothese aufgestellt:

Weniger ist mehr. Oder genauer:

Das Reduzieren von Vorgaben schafft erweiterte Freiräume. Oder zugeschnitten auf den ganz speziellen Fall:

Wo die Farbe endet, beginnt der Spielraum für persönliche Interpretation...

...und dies gleich in zweifacher Hinsicht, denn erstens kann sich der Bild-Ersteller ungleich invasiver in persönlichen Ausgestaltungsvorlieben austoben, und zweitens darf der Betrachter seiner Fantasie ebenfalls deutlich freieren Lauf lassen.

Welche Farbe hat denn das 'Gestrüpp' am rechten Bildrand Anfang November? Weitgehend grün? Sind knallgelbe Einstreuungen vorhanden? Oder überwiegt bereits das triste Braun?

Spielen Sie mit ihrer Vorstellungskraft und/oder gestalten Sie sich die Farben so, wie Sie sie gerne hätten.

Was macht das Wetter? Zieht am Horizont ein Schauer über die Hügelkette herein, oder herrscht nur hohe Luftfeuchtigkeit?

Gestalten Sie sich das Wetter so, dass Sie sich darin wohlfühlen.

Und überhaupt, welche Stunde hat hier geschlagen? Später Vormittag, früher Abend?

Gestalten Sie sich die Tageszeit so, wie Sie Ihnen am stimmungsvollsten erscheint.

So, jetze bin ich aber gespannt, denn mich interessiert natürlich brennend die Antwort auf folgende Frage:

Bei welchem Wetter und zu welcher Tageszeit passiert denn in Ihrer Fantasie 111 080 soeben das wiefarbene Gebüsch bei Salach?

 

 

 

 

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